Reaktionen der Facebook-Fans der CSU auf Seehofer-Rücktritt

Flüchtlingsfrage bleibt für CSU-Anhänger Thema Nummer eins

Kurz nach Seehofers Amtsverzicht beschäftigen sich die CSU-Anhänger auf Facebook zwar mit den personellen Veränderungen innerhalb der eigenen Partei. Doch viel wichtiger als der Name des künftigen Ministerpräsidenten ist für sie die Frage: Wie geht es weiter mit der Flüchtlingspolitik?

Markus Söder taucht hier kaum auf: Die Interessen der Facebook-Fans der CSU in den Tagen nach Seehofers Verzicht auf das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Die Größe der Waben zeigt die Relevanz bestimmter Themen in den Facebook-Posts von CSU-Fans im Zeitraum vom 3. bis zum 5. Dezember 2017 an.

Horst Seehofer, seit neun Jahren an der Spitze der bayerischen CSU, wird bei der Landtagswahl 2018 nicht mehr für das Amt des Ministerpräsidenten kandidieren. Ein entscheidendes Ereignis für die Partei. Doch zumindest auf Facebook interessieren sich CSU-Fans in den Tagen nach der Ankündigung seines Rücktritts (noch) verhältnismäßig wenig für den Machtwechsel innerhalb der eigenen Partei. In der Liste der Top-Themen der von ihnen auf Facebook geteilten Artikel rangiert Seehofer nur auf Platz acht, Söder sogar nur auf Platz fünfundzwanzig.

CSU-Fans wünschen sich geschlossenes Auftreten ihrer Parteispitze

Am stärksten können sich die  Fans der CSU-Facebook-Seite für einen dpa-Artikel mit dem Titel “Angela Merkel und die unberechenbaren Drei aus Bayern” begeistern, der am 5. Dezember 2017 auf Portalen etlicher E-Mail-Anbieter zu finden ist. Darin wird die Frage gestellt, wie die Zusammenarbeit zwischen Angela Merkel und der neu aufgestellten CSU aussehen könnte und ob das CSU-Dreiergespann bestehend aus Markus Söder, Horst Seehofer und Landesgruppenchef Alexander Dobrindt es schaffen wird, geschlossen aufzutreten anstatt sich auf ihre jeweiligen Einzelinteressen zu konzentrieren.

Ebenfalls gelesen wird ein Beitrag des CSU-eigenen Magazins Bayernkurier, in dem Söders Spitzenkandidatur sowie der genaue Zeitplan für die angekündigten Schritte bekanntgegeben werden. Unter anderem wird erläutert, dass die Amtsübergabe im ersten Quartal 2018 stattfinden soll und Söder dazu zwar vom bayerischen Landtag neu gewählt werden muss, dieser Schritt aber aufgrund der absoluten Mehrheit der CSU “eine rein formelle Abstimmung der Fraktionsabstimmung ist”. Außerdem weckt eine kurze Meldung des Bayern-Portals Bayernjetzt.de das Interesse der User, in der die Hoffnungen der CSU-Basisbewegung Konservativer Aufbruch für die Ministerpräsidentschaft Markus Söders beschrieben werden. Deren Sprecher Thomas Jahn wünscht sich demnach:  „Wir hoffen, dass Markus Söder sein Gewicht als künftiger Ministerpräsident Bayerns für eine politische Wende in Deutschland einsetzt. Die CSU darf sich nicht erneut als Mehrheitsbeschafferin Merkels und der gescheiterten ‘GroKo-Politik’ einspannen lassen.” Außerdem fordert er, auch das Amt des CSU-Chefs neu zu besetzen.

Video zum Tag des Ehrenamts schlägt alle Politiker-Ansprachen

Auch zwei Parteivideos zu Söders Kandidatur bei den Fans der CSU-Facebook-Seite Anklang. Die live auf Facebook übertragene Pressekonferenz, auf der Horst Seehofer seinen Verzicht verkündet, wird ebenso verfolgt wie Markus Söders Videobotschaft, in der er erklärt, in seiner neuen Rolle mit “Mut und Demut” handeln und dabei auf Zusammenarbeit innerhalb der eigenen Partei setzen zu wollen.

Knapp überholt werden die Seehofer- und Söder-Videos jedoch von einer kurzen Bewegtbild-Danksagung ihrer Partei zum Tag des Ehrenamts am 4. Dezember, ein Thema, das die CSU-Fans sehr stark zu berühren scheint.

Sehnsucht nach vergangenen Zeiten

Abseits politischer Themen scheinen sich die Fans der CSU nach einer stärkeren Anerkennung der Lebenswelten älterer Generationen zu sehnen. Sie sind fasziniert von der Facebook-Seite Erinnerst du dich?, die “Kindheitserinnerungen aus den 70er, 80er und 90er Jahren” wiederbeleben möchte und regelmäßig Fotos und Videos zu Filmen, Spielen und Alltagsgegenständen aus vergangenen Jahrzehnten online stellt. Besonders oft sehen sich die CSU-Anhänger ein Video an, das alle nach 1975 Geborenen ohne erkennbare Ironie als “Warmduscher und Weicheier” bezeichnet, ihre eigene Generation jedoch als “innovative Problemlöser, risikobereite Erfinder, Techniker und kreative Menschen” idealisiert, zu denen sie aufgrund einer weniger behüteten Kindheit heranreifen konnten. Interessant sind für sie allerdings auch Michel Lönneberga und die Kinderserie Rappelkiste, die von 1973 bis 1984 im ZDF lief.

Bei Flüchtlingsthemen sind CSU-Fans anfällig für Fake News

Genauso oft beschäftigen sich die CSU-Anhänger allerdings auch mit einem Video von RT (Russia Today), für das als Beschreibung einzig und allein der Satz, “Eskalation in Paris: Polizei setzt Tränengas gegen Dutzende farbige Protestler an Bahnhof ein”, herhalten muss.

Eskalation in Paris: Polizei setzt Tränengas gegen Dutzende fa…

Eskalation in Paris: Polizei setzt Tränengas gegen Dutzende farbige Protestler an Bahnhof einhttps://deutsch.rt.com/kurzclips/61608-eskalation-in-paris-polizei-traenengas-farbige/

Gepostet von RT Deutsch am Montag, 4. Dezember 2017

Wer sich nicht die Mühe macht, unter dem Video auf einen Link zur RT-Webseite zu klicken, bekommt keinerlei weitere Informationen zu dem gefilmten Vorfall und erfährt nicht, dass es hier um einen Protest gegen den Tod eines jungen Spaniers senegalesischer Herkunft geht, der kurz nach einer Festnahme durch die französische Polizei zunächst ins Koma fiel und dann starb. Er soll mit Drogen gehandelt und während der Festnahme versucht haben, diese säckchenweise in seinem Mund zu verstecken. Die Familie des Mannes geht davon aus, dass er durch Gewalteinwirkung während der Festnahme gestorben ist, die französische Polizei hat eine Untersuchung des Falls gestartet (französische Medien berichteten).

Zum Trend entwickelt sich unter den CSU-Fans auch ein Fake-Video eines Users, der vorgibt, er habe  einen Weihnachtsmarkt im Bad Nauheim filmen wollen und sei währenddessen von einem “Asylanten” bedroht worden. Tatsächlich zeigt das Video den Weihnachtsmarkt in der hessischen Kurstadt, jedoch ist zumindest auf den zweiten Blick erkennbar, dass das Video gestellt ist. Neben dem unnatürlichen Einstieg, in dem der Macher des Videos gerade dann seinen Satz “Nauheim ist wie immer schön weihnachtlich geschmückt, es ist alles wunderbar wie immer” vorträgt, als er von einem aggressiv wirkenden Passanten angesprochen wird, spricht der “Asylant” unter anderem mit einem Akzent, der mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit von einem Muttersprachler kommt, der versucht “ausländisch” zu klingen. Auch die mittelhessische Lokalzeitung Wetterauer Zeitung stuft das Video als Fälschung ein.

Der Wunsch nach Sicherheit

Viele CSU-Anhänger outen sich zudem als AfD- oder Pegida-Anhänger. Sie teilen die Bewerbungsrede Alice Weidels beim AfD-Bundesparteitag in Hannover sowie etliche Interviews mit ihr, Alexander Gauland oder Jörg Meuthen zu flüchtlingspolitischen Fragen. Auch Videos von Pegida-Facebook-Seiten zu vermeintlichen oder tatsächlichen Fällen von Flüchtlingskriminalität werden mehrfach geteilt.

Gleichzeitig gibt es aber auch CSU-Fans, die die Proteste gegen den AfD-Parteitag in Hannover befürworten. Häufig geteilt wird ein Video der Partei Die Linke, in dem ein Teilnehmer erklärt, dass er an einer der Protestveranstaltungen teilnimmt, da er verhindern will, dass “die Afd die Gesellschaft nach rechts drängt” und sich wünscht, “eine gesellschaftliche Bewegung in Gang zu bringen, um diesen Rechtstendenzen auch bei den anderen bürgerlichen Parteien entgegenzuwirken.”

Protest gegen den AfD Parteitag in Hannover

Fast 10.000 Menschen protestierten gestern friedlich gegen den AfD-Parteitag in Hannover. Rassismus, rechte Hetze und Politik für die super-reichen Eliten darf nicht unwidersprochen bleiben. Wir bedanken uns bei allen, die gestern eine klare Haltung für Demokratie und Menschlichkeit gezeigt haben.

Gepostet von DIE LINKE am Sonntag, 3. Dezember 2017

Trotzdem sind ihre Facebook-Präferenzen stark von der Angst vor Flüchtlingskriminalität und dem Wunsch nach Sicherheit geprägt. Etliche User teilen ein RT (Russia Today)-Video, in dem eine Initiative im schwedischen Oskarshamn vorgestellt wird, die es Joggergruppen ermöglicht, sich nach Einbruch der Dunkelheit von Polizisten belgeiten zu lassen. Ein darin interviewter Polizist gibt an: “Der Grund ist, die Sicherheit zu erhöhen. Die Leute fühlen sich unsicher, es ist eine gefühlte Unsicherheit und hat nichts mit einem Anstieg der Kriminalität zu tun.” Nachdem der ehemalige Vorsitzende der britischen UKIP-Partei Nigel Farage die Geschichte in einem Radiointerview erwähnt hatte, wurde sie seit November 2017 von etlichen rechtslastigen Internetseiten aufgegriffen und mit dem Zusatz verbreitet, die Initiative sei aufgrund erhöhter Kriminalitätsfälle durch Flüchtlinge ins Leben gerufen worden (mehr Informationen dazu gibt es hier).

Zu wenig Unterstützung für Breitscheidplatz-Hinterbliebene

Auch bei den in der CSU-Community auf Facebook geteilten Artikeln stehen Flüchtlings- und AfD-nahe Themen klar im Vordergrund. Das Thema, das die Facebook-Fans der CSU im Zeitraum vom 3. bis zum 5. Dezember am stärksten bewegt, ist der an Kanzlerin Angela Merkel gerichtete offene Brief der Hinterbliebenen aller zwölf Todesopfer des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz, in dem sie ihr vorwerfen, sie nicht ausreichend unterstützt zu haben. Mehrmals geteilt wird ein Link zu einem ZDF-Beitrag, in dem aus dem Schreiben zitiert wird. Demnach sehen die Angehörigen den Anschlag auch als Folge der “politischen Untätigkeit der Bundesregierung” und werfen Merkel vor, ihrem Amt nicht gerecht zu werden.

Sehr viel häufiger lesen die CSU-Anhänger zum selben Thema jedoch einen Text der Webseite Tichys Einblick, die sich selbst als liberal-konservativ sieht. Darin behauptet Roland Tichy, Merkel und ihre Regierung hätten veranlasst, die Anschlagsopfer “in schnellstmöglicher Art und Weise geradezu zu verscharren”, damit “kein Schatten auf die Willkommenskultur fallen” könne. Außerdem gibt er an, “die Angehörigen der Opfer müssen betteln, damit sie die Miete bezahlen können”, während Unmengen von Geldern in die Flüchtlingspolitik flössen. In Wirklichkeit beklagen die Opferfamilien zwar, nicht genug finanzielle Unterstützung vom Staat zu bekommen, ihnen stehen jedoch aktuell 35 000 Euro zu und es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass sie zum Betteln gezwungen sein könnten.

Mit AfD-Parolen gegen Angela Merkel

Kritik an Angela Merkel goutieren die CSU-Fans auf Facebook auch von AfD-Seite. Besonders gut gefallen ihnen Artikel von Tag24 sowie des Stern, der davon handelt, dass die AfD-Abgeordnete Béatrix von Storch Angela Merkel beim AfD-Parteitag in Hannover als “größte Rechtsbrecherin der deutschen Nachkriegsgeschichte” bezeichnet hat und verlauten ließ: “Der Islam gehört ebenso wenig nach Deutschland wie Merkel ins Kanzleramt”.

Auch ein Focus-Bericht über eine Gruppe unbegleiteter Flüchtlinge in Mannheim, die durch Straßenkriminalität auffällig geworden ist, bewegt die Gemüter. Der Text diskutiert Möglichkeiten, wie mit derartigen Fällen umgegangen werden sollte. Besondere Aufmerksamkeit erhält außerdem die Ankündigung der Bundesregierung, abgelehnten Asylbewerbern bis Februar 2018 eine zusätzliche Reintegrationsunterstützung in Höhe von 1000 Euro pro Einzelperson und 3000 Euro pro Familie zu bezalen, wenn sie Deutschland bis Ende Februar 2018 freiwillig verlassen. Neben einem Artikel der FAZ sowie der Huffington Post, lesen viele CSU-Anhänger auch einen Text der rechtspopulistischen Seite Journalistenwatch, um sich über die umstrittene Initiative zu informieren.

Genauso relevant ist für die Fans der CSU-Facebook-Seite die Frage, ob es Lehrerinnen erlaubt werden sollte, Kopftuch zu tragen. Ein Welt-Artikel , in dem eine Grünen-Politikerin dies fordert, erregt großes Aufsehen. Außerdem wird in der CSU-Community sehr häufig ein Focus-Beitrag geteilt, der Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks zu sexuellen Missbrauchsfällen an Kindern in deutschen Moscheen vorstellt.

CSU-Anhänger fordern Glyphosat-Verbot

Zu Flüchtlingsthemen werden von CSU-Fans etliche weitere Texte, zum Teil auch aus sehr fragwürdigen Quellen, geteilt. Mit anderen Themen beschäftigen sich die Fans der CSU-Facebook-Seite zwischen dem 3. und dem 5. Dezember 2017 wenig. Zwei flüchtlingsferne Themen spielen dann aber doch eine Rolle.

Die User interessieren sich für ein Focus-Video, in dem die Polizei kurz nach der Erpressung des Paketdienstes DHL Verhaltenstipps gibt, wie mit verdächtigen Paketen umgegangen werden sollte. Außerdem scheinen die CSU-Anhänger auf Facebook klar für ein Verbot von Glyphosat zu sein. Sie teilen eine Petition der Organisation Foodwatch, die sich für sichere und gesunde Lebensmittel einsetzt. Darin werden die Leser dazu eingeladen, den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz anzuschreiben, um ihn aufzufordern, ein Glyphosat-Verbot zur Bedingung für die anstehenden Koalitionsgespräche zu machen.

Die Auswertung basiert auf 1684 Artikeln und 693 Videos, die von den Fans der Facebook-Seite der CSU im Zeitraum vom 3. bis zum 5. Dezember abgesetzt worden sind. Die Analyse ist nicht repräsentativ, erlaubt aber tiefe Einblicke in die Facebook-Community der CSU.

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