Koalitionsvertrag: Facebook-Fans von CDU und SPD sind enttäuscht

“Außenminister” Martin Schulz wird zur Facebook-Lachnummer

Die einen vermissen ihr Finanzministerium, die anderen hadern mit unwahren Ankündigungen ihres Parteivorsitzenden. Kurz nach Ende der Koalitionsgespräche fühlen sich die Facebook-Fans von CDU und  SPD gleichermaßen als GroKo-Verlierer.

7. Februar 2018: Das lang erwartete Ende der Koalitionsverhandlungen löst in den Facebook-Communitys von CDU und SPD einen Beitrags-Sturm aus. Viele User stören sich an den GroKo-Ergebnissen und werden auf Facebook aktiv. Aufregerthema Nummer eins ist die Ankündigung, dass Martin Schulz im Fall einer Neuauflage der Großen Koalition zum neuen Außenminister werden könnte.

Schulz als “Minister für Wortbruch und Wählerbetrug”

 

Für diese Themen interessiert sich die Facebook-Community der CDU direkt nach Ende der Koalitionsverhandlungen (7. und 8. Februar 2018)

Zum Facebook-Trend des Tages wird sowohl in der SPD- als auch in der CDU-Community das Video vom berühmt gewordenen Schulz-Auftritt am 25. September 2017, in dem der SPD-Parteivorsitzende erklärt: „In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nicht eintreten.“

Fast genauso oft teilen die Fans beider Parteien einen Text der Satire-Zeitung Postillon, in dem Schulz zum “Minister für Verarsche, Wortbruch und Wählerbetrug” gekürt wird.

 Zwar hatte Martin Schulz nach der Bundestagswahl noch mit klaren Worten mehrfach ausgeschlossen, in eine Große Koalition einzutreten oder gar Minister in einer Regierung Merkel zu werden. Doch genau das war offenbar die beste Bewerbung.”

So beschreibt der Satire-Text mit einem Augenzwinkern den vermeintlichen “Aufstieg” des SPD-Parteivorsitzenden zum Lügen-Minister.

Jusos wollen SPD-Mitglieder zum GroKo-Nein bewegen

Abgesehen davon gehen die Themen-Vorlieben kurz nach Ende der Koalitionsverhandlungen am 7. und 8. Februar weit auseinander.

Für diese Themen interessiert sich die Facebook-Community der SPD direkt nach Ende der Koalitionsverhandlungen (07. und 08.02.2018)

Unter SPD-Anhängern trendet Kevin Kühnerts Aufruf, bei der Mitgliederbefragung gegen eine Neuauflage der Großen Koalition zu stimmen. Der Juso-Vorsitzende ist davon überzeugt, dass seine Haltung “großen Zuspruch von vielen Seiten” finden wird. In einem Facebook-Post kündigt er an, im Februar eine “#NoGroKo Tour” durch etliche deutsche Städte zu unternehmen, um die SPD “wieder zu DER sozialen Kraft in unserer Gesellschaft” zu machen anstatt sie “zum ewigen Juniorpartner in der Groko” verkommen zu lassen.

Auch ein Post der Facebook-Seite NoGroko, ein von Sozialdemokraten gegründeter Verein zur „Verhinderung der Neuauflage einer großen Koalition sowie der Erneuerung der SPD“ wird häufig geteilt. Darin wird neben den Hashtags #NoNahles, #NoSchulz und #NoGroKo eine Ur-Wahl des Parteivorsitzenden gefordert.

Die SPD-Fans sind aber ebenso offen für GroKo-Kritik aus den Reihen anderer Parteien. So beschäftigen sie sich mit einem Post der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, die die Koalitionsergebnisse der SPD als „Beim Schachern um Ministerposten top, inhaltlich flop” bezeichnet und bemängelt, dass Probleme wie steigende Mieten, Niedriglöhne und soziale Ungleichheit nicht angegangen worden seien. Auch sie ruft die SPD-Mitglieder in ihrem Post dazu auf, gegen eine Neuauflage der große Koalition zu stimmen.

CDU-Trend: “So ROT war SCHWARZ noch nie.”

Auch in der CDU-Community ist starke Kritik an den Ergebnissen der Koalitionsgespräche zu vernehmen. Einer der erfolgreichsten Beiträge – der übrigens auch bei den SPD-Fans gut ankommt – ist der Kommentar “So ROT war SCHWARZ noch nie” aus dem Sat1 Frühstücksfernsehen vom 7. Februar.

So ROT war SCHWARZ noch nie: Ein Kommentar von Claus Strunz

So ROT war SCHWARZ noch nie: Angela Merkel ist die beste Kanzlerin, die die SPD je hatte! Ein Kommentar von Claus Strunz.

Gepostet von SAT.1 Frühstücksfernsehen am Mittwoch, 7. Februar 2018

Darin vertritt Claus Strunz die Ansicht, Merkel habe sich in den Koalitionsverhandlungen den Sozialdemokraten “unterworfen”, unter anderem dadurch, dass sie das Finanzministerium an eine “zuvor klinisch tote SPD” vergeben habe und er beurteilt die derzeitige politische Situation in Deutschland mit den Worten: “Angela Merkel ist von heute an die beste Kanzlerin, die die SPD je hatte.”

Zu einem großen Trend wird auch der NZZ-Meinungsartikel Die deutsche Lust am Niedergang von Wolfgang Bok, in dem eine fehlende Zukunftsorientierung sowie der mangelnde Fokus auf die nationale Interessen Deutschlands kritisiert wird. Auch die Flüchtlingspolitik wird darin scharf angegriffen:

Dass dieses Thema auf der Sorgenliste der Deutschen nach wie vor ganz oben steht, wird vom Establishment in Politik und Medien hartnäckig ignoriert. In den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD wurde ersatzweise um den Familiennachzug einer kleinen Gruppen von Flüchtlingen gestritten.”

SPD laut Junger Union “unfähig, Geldvorräte anzulegen”

Auch ein Stern-Kommentar, in dem Axel Vornbäumen den Koalitionsvertrag als Armutszeugnis bezeichnet, da die beteiligten Politiker in den Verhandlungen mehr auf ihre eigene berufliche Karriere als auf parteipolitische Ziele geachtet hätten, weckt das Interesse der CDU-Fans. Vornbäumen wagt darin die Prognose, Merkel werde in einer großen Koalition “ihre Gegner in der CDU nicht lange ruhig halten können”, da ihr politischer Einfluss unter anderem durch die Ressort-Vergabe an die SPD geschwunden sei.

Wie in der SPD-Community sind auch bei der CDU Inhalte der eigenen Jugendorganisation beliebt. Der erfolgreichste Post stammt von der Facebook-Seite Junge Union München-Nord und übt Kritik an der Übergabe des Finanzministeriums an die SPD. Dazu wird ein Foto von Franz-Josef Strauß neben dem Satz angezeigt: “So wie ein Hund unfähig ist, sich einen Wurstvorrat anzulegen, sind Sozialdemokraten unfähig, Geldvorräte anzulegen.”

Gegen Flüchtlinge und für Tierschutz

Sind es in der SPD-Community Beiträge der Linken, für die sich viele User interessieren, so sind es bei der CDU Posts der Afd, die in der eigenen Zielgruppe oft gut ankommen. Mehrmals geteilt wird ein Beitrag von Alice Weidel, die den Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD in die Kritik nimmt. Sie moniert, dass darin das Wort “Obergrenze” nicht auftauche und “lediglich schulterzuckend” festgestellt werde, “dass auch zukünftig pro Jahr 180 000 bis 200 000 Migranten nach Deutschland einwandern werden.” Auch Posts der Facebook-Seite von Jörg Meuthen schaffen es in die CDU-Trends.

Zugleich interessieren sich die Facebook-Fans der CDU jedoch auch für einen taz-Artikel, in dem die Pläne der Großen Koalition kritisiert werden, Menschen, die in Ställe eindringen, um Fälle von Tierquälerei zu dokumentieren, härter zu bestrafen. Auch ein Facebook-Post von PETA-Deutschland macht die Runde. Darin wird beklagt:

Die große Koalition hat NICHTS Neues für den Tierschutz beschlossen, dafür sollen mehr Wölfe GETÖTET werden. Dieser Kniefall vor der Agrar- und Jagdlobby ist BESCHÄMEND.“

Angekündigte Familienpolitik wird von CDU-Anhängern positiv gesehen

Anders als in der SPD-Community, wo kein Lob für die Entscheidung zur Großen Koalition auszumachen ist, scheinen einige CDU-Fans die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen allerdings auch positiv einzuschätzen. Sie teilen einen Post der CDU, in dem angekündigt wird, das Kindergeld in Zukunft um 25 Euro pro Kind und Monat zu erhöhen und schauen ein CDU-Video, in dem Annette Widmann-Mauz aufzählt, mit welchen Maßnahmen die CDU Familien unterstützen möchte. Dabei erwähnt sich unter anderem einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bis ins Grundschulalter und die Erhöhung des Kinderzuschlags.

Koalitionsvertrag: Widmann-Mauz zu Familie

Annette Widmann-Mauz macht klar: Familien liegen uns besonders am Herzen. Deshalb wollen wir ihnen ganz konkret im Alltag helfen: Wir werden das Kindergeld in zwei Schritten um 25 Euro pro Kind und Monat erhöhen und führen ein Baukindergeld ein. Wir verbessern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und bekämpfen Kinderarmut. Für uns ist klar: Wir lassen Familien in Ruhe, aber nicht im Stich. Unsere Politik: Gut für Deutschland. Gut für die Menschen. www.cdu.de/koalitionsvertrag

Gepostet von CDU am Donnerstag, 8. Februar 2018

Angst vor Islamisten und Fake News

Auch abseits der Koalitionsverhandlungen lassen sich in beiden Facebook-Communitys klare Trends beobachten. In beiden Communitys besteht ein großes Interesse am Fall eines ausreisepflichtigen Tunesiers, der als Gefährder gilt, jedoch nach einer Festnahme wegen Drogenhandels wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Mehrere häufig geteilte Medienbeiträge, beispielsweise ein Text von n-tv, vergleichen das Ereignis mit dem Fall Anis Amris, der im Dezember 2016 den Anschlag am Berliner Breitscheidplatz verübte und zuvor ebenfalls wegen Drogenhandels aufgefallen, aber dennoch nicht ausgewiesen worden war.

Sowohl die Fans der CDU als auch die Fans der SPD interessieren sich zudem für den Start der Rakete Falcon Heavy, die am 6. Februar ins All abgeschossen wurde. Vor allem Facebook-Live-Videos des Events sind beliebt.

Die CDU-Fans beschäftigen sich auch mit einem Welt-Artikel, in dem die Forderung der AfD nach der Entlassung des Moderators der Satire-Sendung „heute show“ kritisiert wird. Oliver Welke hatte sich in seiner Sendung über die Rede dessprachbehinderte AfD-Politikers Dieter Amann lustig gemacht, was zu herber Kritik aus AfD-Kreisen führte. Welke hatte sich jedoch bereits öffentlich für den Vorfall entschuldigt.

Zudem finden sich in der Facebook-Community der CDU auch mehrere Inhalte von fragwürdigen Webseiten. So beschäftigen sich die CDU-Anhänger beispielsweise mit einem Text der Webseite sputniknews.com, in dem bis vor kurzem behauptet wurde, die Deutsche Rebecca Sommer wolle aufgrund ihrer negativen Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe nach Polen fliehen. Diese Falschinformation wurde inzwischen halbherzig korrigiert, der Text ist jedoch nach wie vor online. In der SPD-Community tauchen derartige Inhalte hingegen nicht auf.

Die Auswertung beruht auf 4080 Posts, die am 07.02. und 08.02.2018 in den Facebook-Communitys der CDU und der SPD veröffentlicht oder geteilt worden sind. Die Analyse ist nicht repräsentativ, erlaubt aber tiefe Einblicke in die jeweilige Zielgruppe.